Der rote Itting - ein rotes Tuch

Ein Gespräch mit dem Autor und Regisseur Roman Grafe (von Sabine Brandt)

Wer war Franz Itting?
Ein deutscher Industriepionier, ein wahrer Sozialist. Itting wurde in Saalfeld geboren und brach Ende des 19. Jahrhunderts auf, Erfahrung zu sammeln als Maschinenbauer, zunächst in Thüringen. Später arbeitete er eine Zeit lang als Elektroingenieur in Russland. Was er dort kennenlernte, war ungeheure Armut – wohl ein Grund, warum er zeitlebens versuchte, wenigstens in einem kleinen Bereich soziale Gerechtigkeit zu schaffen. Zurück in Thüringen, gründete er 1908 in Probstzella mit den Ersparnissen seiner Wanderjahre ein Elektrizitätswerk. Bis 1915 wurden sechzig Gemeinden ans Stromnetz der Firma Itting angeschlossen.

Das Elektrizitätswerk in Probstzella erwirtschaftete Gewinn und wurde für Franz Itting die Basis, um seine Vorstellungen von sozialer Gerechtigkeit zu realisieren.
In den Zwanzigerjahren ließ Itting für die Arbeiter Werkswohnungen bauen. Für Mitarbeiter, die zehn Jahre im Betrieb waren, schloss er Lebensversicherungen ab. Schließlich wollte er einen Ort schaffen, an dem die Arbeiter nach getaner Arbeit sinnvoll ihren Feierabend gestalten können. 1925 begann Itting mit dem Bau des Hauses des Volkes – mit Kino-, Theater- und Tanzsaal, mit Kegelbahn, Vereinszimmer, Bibliothek, Heilbad und Sauna. Alles konnte von der Bevölkerung zu niedrigen Preisen genutzt werden. Gestaltet wurde das Haus des Volkes im Bauhausstil vom damaligen Studenten und späteren Bauhaus-Meister Alfred Arndt.

Itting gestaltete auf seine Weise im Kleinen eine Ideallandschaft für eine arbeitende Gesellschaft ...
Die Firma war bekannt dafür, höhere Löhne zu zahlen als andere Unternehmen der Region. In Zeiten der Massenarbeitslosigkeit wurden bei Itting Arbeitsplätze geschaffen, indem alle auf einen Teil ihres Einkommens verzichteten. So konnten neue Leute eingestellt werden. Ittings Leitspruch, der auch über der Bühne im Haus des Volkes geschrieben stand, hieß: Freudig lebe, aufwärts strebe. Sozialdemokratie, Volkshaus-Bewegung, Arbeiterbildungsvereine: Itting und seine Leute waren damals Teil eines großen Aufbruchs.

Welche Stimmung brachte man Itting in Zeiten der Weimarer Republik entgegen?
In Probstzella gab es eine starke sozialdemokratische Parteigruppe mit weit mehr Mitgliedern als in der Ortsgruppe der Nazis. Der »rote Itting« hatte starken Rückhalt in der Gegend. Auf das, was sie gemeinsam mit diesem Unternehmer geschaffen haben, waren die Menschen stolz. Als die Nazis an die Macht kamen, nahmen sie Itting im August 1933 in sogenannte Schutzhaft. Sie warfen ihm vor, er sei ein Bonze, er habe sich schamlos auf Kosten der Volksgenossen bereichert. Nach ein paar Tagen mussten sie ihn freilassen. Man wollte Itting und seine Belegschaft, von der ein großer Teil in der SPD war, einschüchtern, ihnen zeigen, dass man sie im Blick hatte.

Damit fing die Odyssee seiner Inhaftierungen erst an.

1937 kam Franz Itting nach einer Auseinandersetzung mit dem NSDAP-Kreisleiter für einige Wochen ins Konzentrationslager Bad Sulza, dem Vorläufer von Buchenwald. Er musste Zwangsarbeit im Steinbruch verrichten, erlitt einen Leistenbruch, er war zu der Zeit immerhin schon 61 Jahre alt. Erst als er bereit war, als Betriebsführer zurückzutreten, wurde er aus dem KZ entlassen. Nach dem gescheiterten Hitler-Attentat brachten sie Itting nach Buchenwald.

Die Hoffnungen, dass mit dem Krieg auch die Übergriffe auf ihn ein Ende nähmen, erfüllten sich für den roten Itting nicht. Franz Itting war und blieb verfolgt – auch in der vermeintlich neuen Zeit. Was hat diesen Mann als Feindbild gleich zweier einander ablösender Diktaturen prädestiniert?
Itting wollte nicht mehr und nicht weniger sein als ein aufrechter Sozialist und war damit naturgemäß all jenen im Wege, die sich den Sozialismus auf die Fahnen geschrieben hatten – erst im National-, dann im DDR-Sozialismus –, in Wahrheit aber rücksichtslos ihre Parteidiktatur durchgesetzt haben. Mit Sozialdemokraten wie Itting war das nicht zu machen. Auch nach der Zwangsvereinigung von KPD und SPD im April ’46 waren die Ittings »die führenden Kräfte in der Parteiorganisation« Probstzella, wie kommunistische SED-Funktionäre damals bemerkten. Außerdem störte der erfolgreiche Unternehmer Itting bei der Durchsetzung kommunistischer Wirtschaftsverhältnisse. Im November 1948 wurde er gemeinsam mit einigen Familienmitgliedern verhaftet. Itting war insgesamt 14 Monate in Untersuchungshaft: in Gera im Gefängnis Amthordurchgang, später im Weimarer Marstall-Gefängnis. Er litt dort an Unterernährung, bat oft verzweifelt um zusätzliches Essen.

Im Juli 1949 gab es dann einen Schauprozess vor dem Landgericht Rudolstadt.
Den Vorsitz der Strafkammer hatte ein Justizfunktionär der SED. Franz Itting wurde als »wesentlicher Förderer und Nutznießer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft» verurteilt und enteignet. Das Landgericht Gera hat dann sämtliche Vorwürfe widerlegt und die Ittings freigesprochen. Zu dieser Zeit war das eine mutige Entscheidung. Der Vorsitzende Richter flüchtete kurz darauf in den Westen. Schließlich wurde der Freispruch vom Oberlandesgericht Erfurt – wie von Ulbricht gefordert – aufgehoben und das Rudolstädter Urteil im wesentlichen bestätigt. Die ganze Familie durfte nicht mehr zurück nach Probstzella. Sie flüchteten über West-Berlin nach Ludwigsstadt in Bayern.

Welche aktuelle politische Dimension hat die Itting-Geschichte?

Seit 1990 kommt die umbenannte SED mit dem Wahlversprechen »sozialer Gerechtigkeit« als PDS in die Parlamente. Itting hat soziale Gerechtigkeit praktiziert und ist von der SED als »Ausbeuter« fertiggemacht worden, wie viele andere Sozialdemokraten. Und doch paktiert die SPD seit Jahren in zwei Bundesländern mit der PDS.
Sechzehn Jahre nach dem Mauerfall haben die Erben noch immer keine Entschädigung für das enteignete Elektrizitätswerk erhalten und auch nicht für das Haus des Volkes. Das Verfahren im Thüringer Landesamt zur Regelung offener Vermögensfragen ist noch immer nicht abschließend bearbeitet.
Die Gesellschaft könnte etwas von den sozialen Ideen Franz Ittings lernen. Was hindert Unternehmer heute eigentlich daran, ebenso maßvoll wie Itting zu leben und ihre Gewinne gerecht mit denen zu teilen, die sie erarbeiten?

Heute leuchtet das Haus des Volkes wieder, es ist erneut zum Mittelpunkt von Probstzella geworden.
In den Neunzigerjahren hieß es in Probstzella oft: »Das wird doch nichts mehr mit dem Haus des Volkes, da müsste schon jemand aus Amerika kommen ...« Nun kam niemand aus Übersee, dafür kamen zwei mittelständische Unternehmer aus der Region: Ohne öffentliche Unterstützung, dafür mit Mut und Engagement haben sie begonnen, das Haus wieder zu beleben. Obwohl ungewiss ist, ob dieses Angebot von der Bevölkerung angenommen wird.

Was war für Sie, Herr Grafe, der Anlass, den Fall Itting aufzuarbeiten?
Im Frühjahr 1990 begann ich in Probstzella die Recherche für mein Buch »Die Grenze durch Deutschland«, da hörte ich zum ersten Mal den Namen Itting. Der Anlass für meinen Dokumentarfilm »Das Lebenswerk des Franz Itting« war ein Wäschekorb mit alten Filmen der Familie und zur Werksgeschichte, die auf einem bayerischen Flohmarkt aufgetaucht sind.
Es gab viele Gründe, mich diesem Menschen zuzuwenden und sein Lebenswerk mit einem Film öffentlich zu würdigen. Mich hat berührt, wie jemand zeitlebens versucht, den Idealen seiner Jugend treu zu bleiben.

Ihre detailreiche Dokumentation haben Sie dem Fernsehen angeboten – bislang ohne Erfolg.
Ich hatte zunächst bei mehreren ARD-Anstalten versucht, einen Auftrag für den Itting-Film zu bekommen, vergebens. Also habe ich die Produktion mit Hilfe von Freunden selber finanziert und ein halbes Jahr ohne Bezahlung daran gearbeitet. Inzwischen haben fast alle öffentlich-rechtlichen Sender eine Ausstrahlung abgelehnt, mit lobenden Worten: »Ein kluger Film ... sensibel, liebevoll und schön« (WDR), »gute Recherche ... großes Engagement« (Arte), »außerordentlich gut« (ZDF), »ausgezeichnet« (3sat). Aber man habe leider keinen Sendeplatz.
Immer wieder hieß es, das sei eindeutig ein Thema für den MDR. Die zuständige Redakteurin dort sagte mir vor einem Dreivierteljahr, der Film sei anrührend, aber man habe vorerst kein Geld dafür. Das macht mich traurig, auch weil für den hundertsten Hitler-Film immer noch Geld da ist.
Bei der Uraufführung des Filmes in der Thüringer Landesvertretung in Berlin im Januar nannte Joachim Gauck den Film ein Kunstwerk. Inzwischen haben bei einem Dutzend öffentlicher Vorführungen in deutschen Städten fast zweitausend Menschen den Film gesehen. Die Leute waren begeistert, beeindruckt, dankbar. Sie konnten nicht verstehen, warum der Film nicht im Fernsehen zu sehen ist.

Der vorstehende Text ist die gekürzte Fassung eines in der Thüringischen Landeszeitung vom 22. April 2006 abgedruckten Gesprächs mit Roman Grafe.
Der Film kann für 15,- E plus Versandkosten als Videokassette oder DVD über das "Haus des Volkes" Das Bauhaushotel bezogen werden.


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